Rede zum 125 Jhrigen Drucken E-Mail

125 Jahre St. Hubertus Schützenbruderschaft 1870 e. V.

Feierstunde am 3. Juni 1995 in der Schulturnhalle Niederfischbach

Worte zum 125-jährigen Vereinsjubiläum

( Brudermeister F.-J. Koch )

 

St. Hubertus Schützenbruderschaft 1870 Niederfischbach.

Geehrte Prinzen, königlich – kaiserliche Majestäten, sehr geehrte Festgäste, meine Damen und Herren!

Wie lange dauern 125 Jahre?

Im Verhältnis zur Zeitgeschichte sind sie ein Nichts, allenfalls ein Pünktchen im Kalender der Menschheit, selbst mit einer Lupe kaum wahrnehmbar.

Denkt man darüber nach, so stellt man fest, daß man als Mitsechziger ja schon gut die Hälfte dieser 125 Jahre miterlebt hat und meint, da müsste doch sehr viel mehr sein als ein Pünktchen im Kalender, glaubt man doch, selbst schon dicke Kleckse hinterlassen zu haben. Da ist doch in der eigenen Lebenszeit schon so manch Denkwürdiges geschehen, was also erst recht in 125 Jahren?

Gestatten Sie mir bitte, Ihre Aufmerksamkeit im wesentlichen auf die Zeit zurückzulenken, die wir selbst nicht erlebt haben, die aber prägend für unsere Vereinsgeschichte war.

Ein Blick in die Ahnentafel zeigt: 1870 waren unsere Urgroßväter gestandene Männer in den 30gern. Um diese Zeit wurden unsere Großväter geboren.

1870 – das Gründungsjahr unserer Bruderschaft – war in der jüngeren Weltgeschichte ein bedeutsames Jahr.

In Preußen, zu dem unsere Heimat damals gehörte, regierte König Wilhelm I., der am 18. Januar 1871 zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Ihm zur Seite stand als preußischer Ministerpräsident Otto von Bismarck. Napoleon III., der französische Kaiser, verlor in eben diesem Jahr Krone und Reich.

In Großbritannien herschte Königin Victoria bereits seit 33 Jahren.

Dem italienischen König Victor Emanuel II. gelingt die Einigung Italiens durch die Einverleibung des Kirchenstaates. Papst Pius IX. musste damit das Ende der weltlichen Herrschaft des Papsttums hinnehmen. Er verkündigte im gleichen Jahr zum Ende des ersten vatikanischen Konzils das Dogma der Unfehlbarkeit der päpstlichen Lehre.

In Nordamerika war der Sezessionskrieg, der Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten eben beendet und durch den Sieg der Nordstaaten die Neger-Sklaverei abgeschafft.

Der Suezkanal war eröffnet worden, wodurch sich der Seeweg nach Asien um rd. 4.500 Seemeilen verkürzte.

Der Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes, Heinrich von Stephan, führte die Postkarte ein.

Das Dynamit, der Eisenbeton und die Schreibmaschine wurden erfunden.

In Preußen rechnete man noch in Thalern, Silbergroschen und Pfennigen ( 1 Thaler = 30 Sgr. = 360 Pfg. 1 Sgr. = 12 Pfg. ).

Am 22. April 1870 wurde Wladimir Iljitsch Uljanow geboren, später genannt Lenin.

Niederfischbach sah damals ganz anders aus, als wir Heutigen unseren Heimatort kennen.

Der Ortskern lag eng um die alte Pfarrkirche am Marktplatz, die seit 1652, nach einem Vergleich zwischen dem Erzbischof von Trier und der Herrschaft von Freusburg, als Simultankirche benutzt wurde. Den „Siegerländer Dom" am Rothenberg gab es noch nicht. Der kath. Pastor residierte im Pfarrhaus im „Wittumhof".

Von Freusburg herüber kam der ev. Pfarrer zum Gottesdienst nach Niederfischbach zu Fuß. Die Kinder gingen in dem 1857 erbauten 2-klassigen Schulhaus an der Hauptstraße ( heute Haus Bierbaum ) zur Schule. Als letztes Haus in Richtung Kirchen stand das ( ehemalige ) Haus Brenner, oberhalb der heutigen Post. Weder das Posthaus Strüder, noch irgend ein anderes Haus an der Hauptstraße oder in der Fillbach stand zu dieser Zeit.

Es gab noch keine Eisenbahn. Dort, wo später die Bahngleise und der Bahnhof gebaut wurden, war Haubergswald. Da der Bergbau im Siegerland noch in der Blüte stand, waren auch die meisten Bewohner von Niederfischbach Berg- und Hüttenleute. Das "Fischbacher Werk" und die Gruben " Wüstseifen" und "Glücksbrunnen" gaben neben zahlreichen weiteren Gruben den Männern Arbeit und Brot. Andere gingen auf die Schicht zur "Schmelze". Witwen und Mädchen verdingten sich an die Erzwäscherein der Gruben. Die "Fischbacher Hütte", welche lange Jahre erfolgreich betrieben worden war, wurde 1870 stillgelegt, weil die "Schmelze" im Otterbachtal sie überflügelte. In der damals sehr verfallenen "Fischbacher Hütte" wurde nach deren Stillegung ein Sägewerk untergebracht.

Die Bevölkerung war arm. Krankheiten, Unfälle, der Tod der Frau im Wochenbett, konnte die Familien in die bitterste Not bringen. Von Sozialversicherungen oder Krankenkase war noch keine Rede. Allenfalls Nachbarschaftshilfe. Abhängigkeit vom Arbeitgeber war die Regel. Mit Gott, für König und Reich, lautete die Parole.

In dieser Zeit fanden sich in Niederfischbach eine Anzahl Männer und gründeten die "NIEDERFISCHBACHER SCHÜTZENGESELLSCHAFT". So lautet nämlich die Eintragung auf dem noch erhaltenen ältesten Kassenbuch. Eine Kopie dieses Titelblattes liegt vor Ihnen, auf dem Programmblatt des heutigen Abends abgedruckt.

Die Vereinschronik ist voll der interessantesten Mitteilungen aus der damaligen Zeit.

Der erste Eintrag vom 10. Juli 1870 lautet auf der Ausgabenseite:
1 Cassen-, 1 Protokollbuch, 1 dido für Königsschießen und Scheibenschießen, 200 Stück Entree-Karten = 4 Thaler. Schon am 15. Juli finden wir den Eintrag: 1 Brief Postnachnahme von Herrn Meyer, Bonn = 10 Th. 7 Sgr. Dabei dürfte es sich um eine Vorauszahlung für eine Vereinsfahne gehandelt haben, die man mit Brief vom 10. Juli bestellt hatte. Es folgt am 31. Oktober: Porto für eine Fahne aus Bonn: 7 Sgr. Am 30. Dezember findet sich dann: Begleichung der Rechnung über eine erhaltene Fahne von Herrn Meyer, Bonn = 10 Th. 5 Sgr. 6 Pfg.

Meine Damen und Herren, diese Fahne, die damals also 20 Thaler 12 Sgr. 6 Pfg. gekostet hat, sehen Sie heute hier an der rechten Seite. Ein wahrhaft historischer Besitz!

Die Einnahmenseite des Gründungsjahres 1870 verzeichnet:

"Eintrittsgeld von 74 Schützen, à Personne 1 Thaler = 74 Thaler". Möglicherweise war ein Thaler damals mehr als der Tageslohn eines normalen Arbeiters. Im übrigen Betrug auch der Jahresbeitrag je Schütze einen Thaler, der vierteljährlich zu 7 ½ Silbergroschen erhoben wurde.

Portokosten für Briefe an den Tambour Josef Köhler, an Leutnant Köhler und Herrn Hauptmann Steinebach wurden abgerechnet. Waren das Briefe an Teilnehmer des Krieges 1870/71, der acht Tage nach der Vereinsgründung ausgebrochen war, oder bereits Vorbereitungen zum ERSTEN FEST, bei dem die Kapelle des Rheinischen – Jägerbataillons Nr. 8 zur Marsch- und Tanzmusik aufspielte? Wir wissen es nicht. Leider fehlt uns das erste Protokollbuch der Schützengesellschaft, um genaueres zu erfahren.

Für Bekanntmachungen an der Kirche, zu der die Schützengesellschaft ursprünglich keine Bindung hatte, musste der Verein 5 Sgr. zahlen. Für Bekanntmachungen durch die Ortsschelle, erhielt der Schellmann 50 bis 75 Pfennige. Botengänge nach Kirchen oder Siegen wurden mit 15 Sgr. entlohnt. Schärpen für den Hofstaat und Epauletten für die "Beamten", wie man die Herren des Vorstandes nannte, wurden angeschafft. Der Vereinskassierer war der "Herr Rendant" der Schützengesellschaft, wie aus einer Pacht-Rechnung der Haubergsgenossenschaft ersichtlich ist.

1872 kaufte der Verein die ersten Büchsen, eine zu 6 Th.,15 Sgr., die andere zu 13 Thalern. Offenbar war der Umgang mit diesen Büchsen noch ein kompliziertes Geschäft, denn für das "Büchsenladen" wurden beim Vogelschießen 1876 an Herrn Johann Kraft 10 Mark bezahlt, der im übrigen auch für jede Patronenfüllung 3 Pfennige erhielt.

Zum 1. Januar 1874 wurde mit der Reichsmark die neue Währung eingeführt. Der Preußische Thaler wurde zu 3,-- Reichsmark umgerechnet.

Regelmäßig werden Ausgaben für Pacht an die "Niederfischbacher Haubergsgenossenschaft" aufgeführt. Am 25. Mai 1877 erhielt "Herr Troja, hier, für Schreinerarbeiten auf dem Schießplatze 7,50 Mark" Und wieder , am 23. Juni 1878 heißt es: "An P. Köhler, hier, für verlegen des Schießplatzes 8,50 Mark". Etwas später erhält "Paulus Zart, für decken der Schießbude lt. Rechnung 26,04 M".

Aus unserem Kassenbuch ist nicht erkennbar, wo dieser Schießplatz mit Schießbude gewesen ist. Darüber erhalten wir Auskunft aus den Büchern der Haubergsgenossenschaft, die uns diese freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Dort heißt es im April 1876: "Pachtgelder von der hiesigen Schützengesellschaft für die Benutzung des Platzes in der Fillbach/Struht, 1,50 Mark". Zwei Eintragungen weiter: "Pacht von einer Carussel auf dem Schützenplatze 2,-- Mark". Aus den Haubergsbüchern kann man auch entnehmen, daß die Haubergsgenossenschaft Pacht von der Gemeinde "für das Armenhaus in der Struht erhielt. So machen die Erzählungen unserer Eltern, die noch vom "armen Fillbachs Gretchen" sprachen, einen Sinn. Diese Frau dürfte dann wohl in diesem Armenhaus, auf Kosten der Gemeinde, gewohnt haben.

Traditionsgemäß erhielten die Vereine zur Jahundertwende eine neue Fahne. So wurde im August 1900 eine Rechnung des Herrn Otto Fribian für die Neue Fahne

Zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar, wurde ein "Ball" abgehalten, "weil der Verein Lustbarkeitssteuerfrei ist an diesem Tag".

Am 12. Januar 1900 beschloß die Haubergsgenossenschaft, die Parzelle Flur VII nr. 1564/343 in der Struht zum öffentlichen Verkauf für Haus-Bauplätze auszusetzen. Der Schützengesellschaft wurde der Schießplatz gekündigt.

Nach dieser Flurbezeichnung steht fest, daß das erste Schützenhaus – die Schießbude- auf dem Gelände stand, auf dem sich heute der Besitz der Familie Burghaus in der vorderen Fillbach befindet.

Neues Gelände in der hinteren Fillbach, "In den Eichen" wurde angepachtet und in den Jahren 1906/08 mit einer neuen Schützenhalle bebaut. Hierfür wurden Sonderbeiträge von den Vereinsmitgliedern erhoben und weiterhin zu freiwilligen Spenden aufgerufen, die auch, z. B. beim Schützenfest 1906, mit 112,00 Mark eingingen. Mehrere Preisschießen wurden veranstaltet, deren Erlös der neuen Schützenhalle zugute kam.

Im Bericht der Generalversammlung vom 9. März 1913 heißt es u. a.: "Der Fähnrich lehnt eine Vergütung für das Tragen der Fahne ab. Er soll dafür einen neuen Hut haben".

Nach Änderung der Vereins-Statuten im Dezember 1913 wurde der Verein als "NIEDERFISCHBACHER SCHÜTZENGESELLSCHAFT HUBERTUS" in das gerichtliche Vereinsregister eingetragen.

Ende 1914, Anfang des Krieges, wurden Spenden gesammelt, um den "in`s Feld eingerückten Schützenbrüdern" je ein Paket zu senden, bzw. deren Angehörigen hier in der Heimat Unterstützung zu leisten. Schützenfeste wurden im Krieg nicht gefeiert.

Das Schützenhaus wurde vernachlässigt bzw. auch durch Kinder beschädigt. Erst im Mai 1919 wurde der Aufbau "der Verdemolierten Sachen" in Angriff genommen.

Das 50 Jährige Jubiläum 1920 konnte nur im kleinen Rahmen gefeiert werden. "Einstimmig beschloß der Vorstand, in Civil zu erscheinen. Der Anzug des Hauptmanns ist "Gehrockanzug, Zylinderhut, große Silberschleife" und "Zum Fest hat jeder Schütze eine Dame frei. Alle Übrigen zahlen Entree".

1921 trat der "Vaterländische Frauenverein" an die Schützengesellschaft heran, zwecks Genehmigung, die Schützenhalle zu einer "Kinderverwahrschule" benutzen zu dürfen. Dies dürfte der erste Kindergarten in Niederfischbach gewesen sein.

1923, die Inflation war auf ihrem Höhepunkt, - eine Billion Papiermark waren nur eine Goldmark wert – hatte auch die Schützengesellschaft einen stattlichen Haushalt:

Den Einnahmen von 7.329.800.445,53 Reichsmark

standen Ausgaben von 1.800.000.000,00 Reichsmark gegenüber.

Zwei Preisschießen erbrachten 7.319.000.000,00 Reichsmark

An Preisen wurden ausgezahlt 1.800.000.000,00 Reichsmark

für Anzeigen wurden gezahlt 800.000.000,00 Reichsmark

der Entree-Heber erhielt 40.000,00 Reichsmark

Im November 1923 rechnete sich das Ganze mit wertbeständiger Währung mit

Einnahmen = 232,60 RM

Ausgaben = 181,90 RM

Bestand = 40,70 RM

Im Bericht über das 60-jährige Jubiläumsfest 1930 freute sich der Chronist u. a. mit dem Eintrag:

„Besonders erfreulich war es, daß unsere alten Veteranen und Mitbegründer des Vereins, Herr Johann Kraft, Wilhelm Schumacher und Gastwirt Heinrich Brenner so regen Anteil an unserem Feste nahmen, welches dadurch zum Ausdruck kam, daß sie sich mit jugendlicher Begeisterung an unserer Festveranstaltung beteiligten".
Als Ehrengäste waren geladen: Herr Landrat Dr. Boden, Bürgermeister Zartmann aus Kirchen, Herr Baron von Hövel und die Gemeindevertretung.

Wirtschaftlicher Niedergang und allgemeine Arbeitslosigkeit kennzeichneten die 20er Jahre, von denen auch der Verein nicht verschont bleibt.

Am 24. Januar 1932 beschließt eine Versammlung in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage und der sich abzeichnenden politischen Entwicklung, der „ERZBRUDERSCHAFT VOM HL. SEBASTIANUS" beizutreten und sich damit auch unter den Schutz der Kirche zu stellen. Als 80. Mitgliedsbruderschaft tritt der Verein dem „Zentralverband der Deutschen Historischen Schützenbruderschaften" bei. Heute sind es mehr als 1300 Bruderschaften mit über 600.000 Schützen.

Im Oktober 1934 übernimmt Herr Baron Freiherr von Hövel das Protektorat über die Bruderschaft, das später von seinem Sohn Karl und heute wiederum von dessen Sohn Friedrich sehr aktiv weitergeführt wird. In dankenswerter Weise hat das Haus von Hövel unsere Bruderschaft in 60 Jahren unterstützt und begleitet.

Die Bruderschaft gerät mehr und mehr unter Parteikontrolle. Von nun an heißt der Vereinsvorsitzende
„ I. Vereinsführer " und die Versammlungen werden mit einem „ Sieg-Heil auf unseren Führer und Reichskanzler " geschlossen.

In einer ( offenbar unter dem Druck der NSDAP einberufenen ) außerordentlichen Versammlung im Februar 1937, zu der auch der „ Kreisschützenführer, und als Vertreter der Partei, der Ortssportleiter " als Beobachter erschienen, mußte der bisherige Brudermeister sein Amt abtreten und ein neuer I. Vorsitzender gewählt werden.

Es kam der Krieg und damit fast völliger Stillstand im Verein.

Erst im Oktober 1947, als die ersten Vereinstätigkeit durch die Besatzungsbehörden erlaubt wurde, konnte die Bruderschaft wiederbelebt werden.

Durch den Erwerb eigenen Geländes " Am Raffenberg " im Jahre 1953 und dem daraufhin erfolgten Bau einer kleinen Schützenhalle mit weiteren Ausbauten 1966 und 1973/74 stellte die Bruderschaft ihre Lebensfähigkeit unter Beweis. Schließlich erfolgte 1991/93 der Anbau eines geschlossenen Kurzwaffen-Schießstandes, der die Möglichkeiten des Schießsports optimal abrundet.

Möge die Schützenbruderschaft auch in diesen Zeiten, in denen zunehmender Werteverfall feststellbar ist, dennoch blühen, wachsen und gedeihen, eingedenk der alten Weisheit:

„ Was Du ererbst von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen! "

Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Geduld des Zuhörens.

 
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